Von Michael Kleider
Eine großartige, touristisch unerschlossene und einsame Alpenlandschaft liegt im Südwesten der Region Piemont: die Provinz Cuneo. Sie ist in Deutschland hauptsächlich für die hervorragenden Weine und Gourmet-Tempel aus dem Hügelgebiet der Langhe bekannt und weniger für ihre faszinierenden Berge. Nur das Po-Tal, wo der beinahe 4000 m hohe MonViso die Gipfel der Umgebung überragt und die Quelle des längsten Flusses Italiens entspringt, ist ein bekanntes Ziel von Ausflüglern und Alpinisten.
Dabei bieten auch die anderen Cuneesischen Alpentäler, die sich von der italienischen Tiefebene Richtung Frankreich zum Alpenhauptkamm erstrecken ein breites Wegenetz und hervorragende Trekkingmöglichkeiten.
Die Grande Traversata delle Alpi…
Beispielsweise verläuft die Grande Traversata delle Alpi (kurz GTA), ein Weitwanderweg vom Grieß-Paß, an der Schweizer Grenze, bis zum Mittelmeer, auf 20 Etappen (von insgesamt 60) durch die Provinz Cuneo.
Die Route der GTA verläuft stets auf historischen Wegen wie Saumpfaden, Bergbauernwegen und Militärstraßen, neue Wege wurden nicht angelegt. Eine unbekannte, fast vergessene Welt ist so aus der Perspektive der Einheimischen zu entdecken und überall sind Überreste der traditionellen Lebensweise und Landnutzung zu sehen: Ortsbilder mit Steindächern, Backöfen und Dorfbrunnen, genauso wie Almen und ehemalige Ackerterassen, aber auch zahlreiche militärische Befestigungen. Neben dem Erlebnis dieser kulturell fremden Welt kommt der Wanderer landschaftlich ebenfalls voll auf seine Kosten, geboten werden grandiose Aussichten auf die Gebirgsmassive des Monviso, Monte Rosa, Gran Paradiso oder der sogenannten Dolomiten von Cuneo.
Übernachtet wird meist in einem Bergbauerndorf, in sogenannten Posti Tappa, das sind kleine, familiäre Hotels oder einfache Etappenunterkünfte mit Kochgelegenheit, aber fast immer auch mit angeschlossenem Restaurant. Der Ertrag bleibt so vor Ort.
...ein Projekt das Hoffnung macht
Diese Konzeption macht die GTA zu einem sozial- und umweltverträglichen Ökotourismusprojekt, das die Idee einer sanften und nachhaltigen Entwicklung durch Wandertourismus umsetzt. Die Provinz Cuneo hat die GTA von Anfang an unterstützt.
Das ist ein postiver Impuls der dringend nötig ist in diesen Alpentälern, denn aufgrund der peripheren Lage und fehlender Arbeitsplätze hat die Mehrzahl der Bevölkerung die Täler längst verlassen und ist nach Frankreich oder in die Po-Ebene emigriert.
Besonders hoch sind die Bevölkerungsverluste in den vier Tälern Varaita, Maira-, Grana- und Stura in den Cottischen Alpen. Seit der höchsten Bevölkerungsdichte Ende des 19. Jahrhunderts ist die Zahl der Einwohner um 80 % gesunken. Vom drastischen Bevölkerungsrückgang der letzen 100 Jahre zeugen zahlreiche verlassene Weiler.
Alpen ohne Grenzen.
Auch auf den Wegen von Alpi senza Frontiere (Alpen ohne Grenzen, kurz AsF) kann der Alpenhauptkamm überquert werden. AsF bedeutet herrliche, grenzüberschreitende Touren mit einer Länge zwischen 3 und 5 Tagen.
Das nötige Rüstzeug bietet ein völlig neues Karten- und Führerwerk, das die gesamte Grenzregion Frankreich-Italien abdeckt. Die Karten sind sehr gut und jedes der Kartenblätter wird von einem zweisprachigen Wanderführer (deutsch/engl. oder ital./franz.) begleitet. Alle beschriebenen Wege wurden abgewandert und auf ihre Begehbarkeit überprüft.
Die neue Via Alpina, die erst 2002 offiziell eröffnet wurde, erschließt zusätzlich eine Vielzahl neuer Routen. Der Weitwanderweg durchquert auf seinem Verlauf durch die gesamten Alpen - von Monaco nach Triest – auch die Provinz Cuneo. Dabei ist die Via Alpina auf vielen Etappen mit den Wegen von GTA und AsF identisch oder kann mit ihnen zu interessanten Rundwanderungen verbunden werden. So setzt sie in Zukunft wahrscheinlich neue Impulse für das bestehende Wegenetz. Die Provinz Cuneo hat sich zudem das ehrgeizige Ziel gesetzt, alle bestehenden Wanderwege in den Tälern herzurichten und neu zu markieren.
Percorsi Occitani im Maira-Tal
Ein Talrundwanderweg hat inzwischen schon für Furore gesorgt. Percorsi Occitani (Okzitanische Wege) heißt er und umrundet in 14 Tagesetappen das Maira-Tal.
Sein Name spielt auf den interessanten Kulturraum der Okzitanier an, in dem sich Sprache und Traditionen noch teilweise erhalten haben. Okzitanisch war die Sprache der Troubadoure und Minnesänger im Mittelalter, die sich im 11. Jahrhundert aus dem Vulgärlatein entwickelt hatte. Sie wird heute noch in 12 Alpentälern des Piemont gesprochen, hauptsächlich von der älteren Bevölkerung in den oberen Talabschnitten. Seit ihrer Anerkennung als Minderheitensprache im Jahr 1999 erlebt sie eine Aufwertung, die sich in okzitanischen Kulturveranstaltungen ebenso deutlich, wie in teilweise zweisprachigen Ortsschildern wiederspiegelt. Häufig weht an einem Gebäude die okzitanische Flagge, ein gelbes Kreuz auf rotem Grund.
Ein königlich er Park...
Im Südwesten der Provinz liegt der Parco Naturale Alpi Marittime (Naturpark der Seealpen), einer der größten Naturschutzgebiete Italiens. Der Park bedeckt knapp 28.000 Hektar und in seinem Gebiet liegen vierzehn 3000er, einige kleine Gletscher - die südlichsten der Alpen - mehr als 80 Seen, Wälder und Wiesen. Das Gebiet war einst ein Jagdrevier der Könige und die damals für das Gefolge und die Lasten angelegten Saumpfade machen die herbe, spröde Hochgebirgslandschaft der Seealpen erstaunlich einfach zugänglich. Die reiche Fauna und Flora machen diesen Park einmalig und Naturliebhaber und Botaniker kommen hier ins Schwärmen. 2000 verschiedene Pflanzenarten, darunter 40 Orchideenarten sind im Naturpark heimisch. Auch Endemiten wie die Sassifraga Florulenta (Mercantour-Steinbrech), die nur einmal nach etwa 30 Jahren blüht, um dann abzusterben, sind zu bestaunen. Tierliebhaber erfreuen sich an Murmeltieren, Gämsen, Steinböcken und anderen Tieren. Ein dichtes Netz von italienischen Alpenvereinshütten ermöglicht Rundwanderungen im Park.
...und königliche Bewirtung
Generell darf sich der Wanderer nach einem anstrengenden Tag über die Gastfreundschaft sowie die außergewöhnlich gute und reichhaltige Bewirtung mit Feinheiten aus der Region freuen. Darauf ist bei allen Unterkünften, auch in abgelegenen Bergdörfern verlass.
Bei Regenwetter locken interessante Alternativen: ein Besuch in einer der Thermen, ein Ausflug in die pittoresken Kleinstädte am Alpenrand mit ihren typischen Arkadengängen, die zu einem gemütlichen Stadtbummel einladen, oder einfach die genauere Erkundung der näheren Umgebung, die immer wieder kleine Überraschungen bereit hält. So hängt es letztlich nur vom Arbeitgeber und Geldbeutel ab, wie viele Wochen bei der Entdeckung dieser einzigartigen Alpenlandschaft und ihrer kulturellen Besonderheiten vergehen.
Wissenswertes
Die Länge der einzelnen Etappen beträgt bei den Weitwanderwegen GTA, AsF und Via Alpina zwischen 3 und 8, 5 Stunden, meist sind es etwa 5 Stunden. Dabei müssen oft 1000 Höhenmeter und mehr überwunden werden, was eine gute Kondition erfordert. Da man sich in den Südwestalpen bereits in einer mittelmeerisch beeinflussten Klimaregion befindet, ist der gesamte Sommer relativ trocken und daher die beste Reisezeit. Die Pässe, die alle im 2000er Bereich liegen, sind ab etwa Ende Juni schneefrei und problemlos zu begehen.
Literatur
Viel Hintergrundwissen und Informationen zur Region bieten die GTA-Wanderführer, bei denen man automatisch die Landschaft sehen und verstehen lernt.
- Werner Bätzing: Grande Traversata Delle Alpi. Der Grosse Weitwanderweg durch die piemontesischen Alpen. Teil 1: Der Norden, Rotpunktverlag, Zürich 2003, ISBN 3-85869-256-5, Preis: 20, 50 Euro
- Werner Bätzing: Grande Traversata Delle Alpi. Der Grosse Weitwanderweg durch die piemontesischen Alpen. Teil 2: Der Süden, Rotpunktverlag, Zürich 2003. ISBN 3-85869-257-3, Preis: 22, 50 Euro
- Provincia di Cuneo (Hrsg.): La Grande Traversata delle Alpi nella Provincia di Cuneo. Peveragno 2002 (Faltblatt bestehend aus Übersichtskarte und Auskünfte über die GTA, erhältlich in Tourismusbüros und unter www.ghironda.com/rubriche/gta.htm).
- Die AsF-Serie (bisher 14 von 20 Bänden erschienen) wird vom Institut Géographique National (www.ign.fr) in Paris herausgegeben und kann über kartografische Fachbuchhandlungen bestellt werden. Die Karten werden immer zusammen mit dem dazugehörigen Wanderführer verkauft.
WWW
Ergänzungen, aktuelle Veränderungen, ein Forum, sowie die Möglichkeit zur online-Bestellung finden Sie auf der begleitenden Internetseite zum Wanderführer, www.wanderweb.ch/gta
www.gtaweb.de
www.parcoalpimarittime.it
Informationen
Michael Kleider, Weiherhaus 3, 90537 Feucht, T: +49/(0)9128/722646, e-mail: gta@michael-kleider.de, www.michael-kleider.de
Tourismusbüro der Provinzhauptstadt Cuneo, Via Roma 28, 12100 Cuneo, Tel: +39 0171 693258, turismoacuneo@tin.it
Tourismusbüro der Provinz Cuneo, Via Vittorio Amedeo 13, 12100 Cuneo, Tel: +39 0171 690217, info@cuneoholiday.com
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